Hashtags, Social Media und Analphabetismus …

In der gestrigen Ausgabe der business-on.de finden wir einen bemerkenswerten Artikel zum Thema Hashtags und dem Einzug in den Sprachgebrauch. (zum Original-Online-Artikel)
In diesem äußert sich unter anderem der Vorsitzende des Rates der deutschen Rechtschreibung, Hans Zehetmair,  dass durch u.a. Social-Media Kommunikation und Hashtags ca. 20 Prozent der deutschen 15-Jährigen als Analphabeten eingestuft werden müssen.
Nun denn, schauen wir uns das mal ganz ernsthaft an 


In Deutschland sprechen wir momentan von einer Größenordnung zwischen 4-11 Millionen Analphabeten, bei denen allerdings unterschieden werden muss zwischen verschiedenen Stufen (nachzulesen bei Wikipedia).
Sehen wir uns doch einmal um, wann in der Regel Analphabetismus entsteht. Ohne jetzt auf viele Quellen verweisen zu müssen ist es in der erweiterten Wissenschaft und der einschlägigen Literatur sicherlich nicht umstritten, dass 2 wesentliche Aspekte zugrunde liegen. (Auf den dritten gehe ich später ein).
Der Bundesverband Alphabetisierung spricht in diesem Zusammenhang übrigens von verschiedenen Formen der Armut, die Ursachen dafür sein können.

Familie

Zum Einen wären das die frühkindliche Erziehung und der Umgang mit den Kindern in der Familie.
Wir sind alle im Bilde, wie manche  Eltern, ohne auf die Gründe einzugehen, ihre Kinder nicht nur sozial, sondern auch intellektuell vernachlässigen. Waren früher (zu meinen Kindheitszeiten) Spiele angesagt, wird das Kind doch vielmals heute leider vor dem Fernseher deponiert und mit  „japanischem Trickfilmmüll“ zugedröhnt. Hauptsache Ruhe.

„Gemeinsame Hausaufgaben ? Oh nein,  bitte nicht, dafür ist die Schule zuständig !“ ….. „Märchen vorlesen oder mitlesen lassen ? Nö, da hab ich gerade etwas anderes zu tun“ ….. Sicher, das ist ein bischen schwarz-weiß gemalt, doch leider Alltag in (vielen) Familien.


Aber auch die Berufstätigen, die jeden Tag ob Ihrer Belastung nicht wissen wo Ihnen der Kopf steht haben nicht immer ausreichend Zeit, sich mit Ihrem Nachwuchs noch ausreichend zu beschäftigen.

Bildungssystem
Zum Anderen spielt hier das jeweilige Bildungssystem eine große Rolle.
Wer in den ersten beiden Jahren der Schule Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat, der hat größte Probleme dieses Wissen wieder aufzuholen. Das kennt wohl jeder von uns, dass der Leistungsdruck dann so immens wird, dass man sich völlig zurückzieht und nichts mehr aufnimmt.
Doch wie sollen die Schulen und die zum Teil völlig überlasteten Lehrer diese (auch familiäre) Lücke denn füllen ? Das ist im Einzelfall sicher machbar, aber in der Masse gänzlich unmöglich. Ein flächendeckendes einheitliches Schulsystem mit einer nachgehenden Betreuung (Ganztagsschule)  wäre auch ein großer Fortschritt und eine Hilfe für die Kiddies.

Zuwanderung
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, wie oben erwähnt, dass Deutschland mehr und mehr ein Zuwanderungsland wird und damit auch völlig andere gesellschaftspolitische Sichtweisen auch im Bezug auf das Bildungsniveau/-wesen Einzug halten. Stop ! Das ist keineswegs ein Statement gegen den Bildungswillen der Zuwanderer, sondern lediglich neben den bereits benannten Problemen auch ein Kriterium für die doch hohe und erschreckende Zahl der Analphabeten in Deutschland.
Also rekapitulieren wir die beiden wichtigsten Phasen in denen Analphabetismus überwiegend entsteht.
  • Frühkindliche Phase im Elternhaus
  • Erste Schuljahre

Ich vermute daher mal eher weniger, dass die bis 8-jährigen diejenigen sind, die in Facebook und Twitter mit Hashtags um sich werfen und durch die schier endlose Kommunikation in diesen Networks zu Analphabeten werden oder dies dadurch befördert wird.

Fazit:
Sorry lieber Herr Zehetmair/liebe Redaktion, aber wir können Ihnen und Ihren Aussagen nicht einmal ansatzweise  folgen, dass Social Media Kommunikation und Hashtags das Analphabetentum in diesen Größenordnungen fördern.

Es wäre m.E. sinnvoller die Anstrengungen auf weit wichtigere Themen zu richten wie die Kinderbetreuung vor und während der Schulzeit, das Schulsystem, die gesellschaftliche und damit auch sprachliche  Integration von Zuwanderern und vor allem aber die  Beseitigung der „Armut“ in ihren vielen Facetten in Deutschland.

Bis neulich !

P.S:
Im übrigen wird im Artikel durch Herrn Z. (CSU) auch auf die sinkende Qualität akademischer Abschlussarbeiten hingewiesen !! Ein richtiger Schalk wer Böses dabei denken mag …..

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