Digitalpakt Bildung – noch nicht das Ende der Kreidezeit

„Ende der Kreidezeit ?“ durch den Digitalpakt der Bundesbildungsministerin, titelte unter anderem auch die Bitkom.

– Wir schütten ein in bisschen Wasser in den Wein

Nun hat die #Digitalisierungswelle, wohl nicht ganz überraschend, auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erreicht.

Letzte Woche stellte die Bundesbildungsministerin, Johanna Wanka, die „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ vor. (Oder auch als #DigitalPakt#D)

Kernpunkt dieser Bildungsoffensive ist die Ausstattung von 40.000 Schulen (Zitat: „… alle Schulen“ bis 2021 mit Computern und WLAN zu versorgen. (Quelle: http://www.tagesschau.de/inland/wanka-digitalisierung-101.html ).

Grundsätzlich begrüßen auch wir das aufgelegte Programm der Bundesministerin, mit dem zumindest eine große Baustelle in der Bildungslandschaft geschlossen werden könnte.

Dennoch reiht sich auch dieser Vorstoß in die Reihe der nicht gänzlich durchdachten Maßnahmen der Bundesregierung im Rahmen der Umsetzung der „Digitale Agenda“ ein.

Natürlich ist es wichtig, dass nicht nur 1,6% der Schüler in den Schulen täglichen Zugang zu einem Computer haben, sondern alle Schüler. Kurz nach Erscheinen Ihrer Initiative musste Frau Wanka bereits schnell klarstellen, dass entgegen der ersten Verlautbarung auch die Förderschulen in diesem Programm integriert sind.

Das finden wir grundsätzlich sehr gut, dass hier ausnahmslos alle Schulen von dieser Initiative profitieren können bzw. müssen.

Ein allerdings nicht unwesentlicher Punkt ist die Hoheit der Bundesländer über die Bildung, welche im Grundgesetz in Artikel 30 (https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturhoheit_der_L%C3%A4nder) verankert ist. Hierbei steht die alleinige Hoheit über die Bildungspolitik den Bundesländern zu. Dass man im Rahmen der Initiative den §91c GG (https://dejure.org/gesetze/GG/91c.html heranzieht, um diese Schranke zu überwinden ist löblich.

Allerdings wird hier erst die Kultusministerkonferenz prüfen, ob dieser als ausreichende Grundlage für die Umsetzung der Initiative geeignet ist.Wir wollen uns an dieser Stelle nicht ausmalen, wenn die Kultusministerkonferenz zu einem anderen Ergebnis kommt. Insofern wirkt es schon ein bisschen verfrüht, hier Jubelarien ob der Initiative anzustimmen. Im Moment handelt sich also eher um ein Angebot des Bundes an die Länder.

Und wie die Länder dann das Geld gedenken einzusetzen steht wieder auf einem anderen Blatt. Konsequenter wäre es gewesen, wenn diese Gelder direkt den Kommunen, die ja auch die Schulen finanzieren, zu überlassen. Damit wäre zumindest ein Verteilungskampf ausgeschlossen.

Im Gegenzug erwartet die Bundesministerin dann auch Investitionen der Länder, wobei fraglich sei wird, wie diese dann durch die jeweiligen Landeshaushalte abgedeckt werden sollen.Auch hier droht, je nach Finanzlage und politischen Schwerpunkthemen der Bundesländer eine neue Schieflage. Eine Schieflage die dann wieder zu einer partiellen Benachteiligung der Schülerinnen und Schüler führen könnte.

Gerade im Hinblick auf diese neue Initiative muss das bestehende Kooperationsverbot (§91b GG)  sowie die Regelung des §30 GG dringend hinterfragt werden.Die Piraten beispielsweise haben dazu bereits eine klare Auffassung in ihrem Grundsatzprogramm formuliert:

„ Bildungsprozesse sollen bundesweit einheitlich sein. Es soll dem Bund erlaubt sein, sich an Ausgaben für Bildung in den Ländern zu beteiligen. „

Des Weiteren bleiben auch bei Umsetzung der Initiative viele Fragen bzw. Problempunkte offen, die unmittelbarem Zusammenhang damit stehen.

Denn lediglich die Ausstattung an den Schulen bereitzustellen löst nicht das ebenso drängende Problem der dazu notwendigen Breitbandbereitstellung an den Schulen.Was nützt ein WLAN an der Schule, wenn die Daten dann mit 1 Mbit durch die Leitung tröpfeln? Hier wäre auch eine abgestimmte und konzertierte Aktion mit A. Dobrindt zielführend gewesen.

Und einen weiteren Punkt sollte man beachten: Was nützt, selbst vorausgesetzt Breitband wäre superschnell vorhanden, der Computer, wenn das zugrundeliegende medienpädagogische Konzept bislang komplett fehlt bzw. der digitale Ansatz bisher nicht in die entsprechenden Lehrpläne eingearbeitet bzw. dort sinnvoll verankert wurde.

Bekommen wir dann Digitalecken, in denen ohne sinnvollen pädagogischen Ansatz einfach nur am PC gedaddelt wird? Weil es „cool“ ist ?

Hier besteht dringender Handlungsbedarf, wenn diese Initiative nicht allein schon aus diesem Grund völlig wirkungslos verpuffen soll.

Wir haben dazu eine klare Sichtweise und fordern bereits seit längerem ein Pflichtfach „Informatik“ bzw. alternativ ein Pflichtfach „Medienkunde“. Damit wäre dann zumindest eine Brücke zwischen Ausstattung der Schulen und Lehrinhalten geschlagen, die wir bei dieser Initiative schmerzlich vermissen.

Und noch einen weiteren Punkt dürfen wir an dieser Stelle nicht vergessen.

Um die von Frau Wanka angestrebte „Digitalisierung“ überhaupt umsetzen zu können braucht es nicht nur Hardware, sondern auch Menschen. Lehrer und Lehrerinnen, die die digitalen Inhalte dann auch in einem sinnvollen medienpädagogischen Ansatz vermitteln können.  Doch dazu ist es unerlässlich, dass neben der Bereitstellung von notwendigen Stellen auch die vorhandenen Lehrerinnen und Lehrer durch entsprechenden Fortbildungsmaßnahmen für diese Inhalte fit gemacht werden. Wie diese Angebote dann zeitnah bereitgestellt werden, wie diese vermittelt werden, auch darüber finden wir in der angekündigten Initiative leider nichts.

Und auch hier müssen wir wieder auf die Zuständigkeit der Länder hinweisen.

Es bedarf auch eines gewissen Maßes an Standardisierung, welches sich nicht nur auf Bildungs-Inhalte erstreckt, sondern auch auf verwendete Software, Apps etc.
In diesem Zusammenhang fehlt uns eine Aussage zur Verwendung von Open Source Software, eine Idee wie man Open Education Ressourcen (OER) einzubinden gedenkt oder wie beispielsweise Massive Open Online Courses (MOOC) genutzt werden können, um zeitgerechte Bildung und Digitalisierung sinnvoll miteinander zu verbinden.

Gleiches gilt für die Frage nach der IT-Sicherheit sowie dem Datenschutz. Dies allein den Lehrer zu überlassen wäre auch wieder ein völlig falsches Signal, da diese Zeit dann wiederum von der eigentlichen Aufgabe, dem Vermitteln von Wissen abgeht.

Insofern entstehen auch hier wiederum Kosten (sei es für die Einstellung eines Systemadministrators oder der Fremdbeauftragung), die durch diese Initiative wahrscheinlich nicht abgedeckt werden können. Hierbei lassen wir dann auch die Frage der Aktualität der Betriebssysteme, der Aktualisierung der verwendeten Apps, Software mit einfließen, da auch dies durch die Schulen sichergestellt werden muss. Ob hier der Regelhaushalt der Schulen ausreicht, um diese wichtige Aufgabe sicherzustellen darf indes bezweifelt werden.

Was nützt eine initiale Ausstattung der Schulen mit PC/Tablets, wenn diese nach dem nächsten Softwareupdate dann veraltet in der Ecke liegen/stehen.

Und schauen wir noch ganz kurz auf die nackten Zahlen:

Bei paritätischer Verteilung der 5 Mrd Euro auf die 40.000 Schulen bis 2021 würde jede Schule ~125.000€ erhalten. Dies klingt ja schon einmal gut. Sicherlich genug, um einmalige Investitionen in Computer/Tablets zu tätigen. Betrachten man diese jedoch über die 4 Jahre hinweg bleiben den Schulen jährlich nur noch 31.500 Euro. Ok, nicht mehr ganz so gut.
Und bezieht man hier jetzt noch die Kosten für ggfls. weitere Lehrer mit ein, die Wartung und Pflege der Geräte, Schnittstell, Sicherheit, Datenschutz sowie die Fortbildung der Lehrer wird sehr schnell deutlich, dass diese Summe hinten und vorn nicht ausreicht, um wirkliche Digitalisierung in den Schulen zu erreichen.

Zweit weitere Punkte möchten wir ansprechen, die im Konzept der Ministerin ebenfalls nicht explizit angesprochen werden.

In vielen Schulen sehen zwar schicke PC echt gut aus, doch was nützen diese, wenn durch die marode Bausubstanz dann der Bilschirmschoner nicht nur virtuelles Wasser enthält, sondern dieses direkt vom Dach in den PC fließt?

Hier vermissen wir auch eine klare Ansage, dass eine Grundlage für einen modernen Unterricht nicht nur der PC; sondern auch die Bausubstanz dringend modernisiert gehört.

Darüber hinaus bleibt auch unbetrachtet, dass 70% der Internetnutzer digitale Angebote in Deutschland mobil tabrufen. Klar, man kann nun entgegnen, dass dies mittels Tablets durch die Schule beseitigt werden kann. Es ändert jedoch nichts an der Frage, warum man nicht die vorhandenen Geräte (i.d.R. Smartphones/Tablets) der Schülerinnen und Schüler unter dem „BYOD“-Ansatz mit berücksichtigt. Auch dazu finden wir leider keinen Verweis in der Initiative.

Hinzu, und das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, ist die sehr heterogene Ansicht der Lehrenden bzw. der Interessensverbände zum Thema „Digitale Bildung“. Während der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband dem auch ohne die Initiative von Frau Wanke positiv gegenübersteht, hört man aus der Ecke eines weiteren Verbandes ganz andere Töne.

Es reicht also bei Weitem nicht nur das Geld bereitzustellen, sondern man muss auch gesellschaftlichen Konsens über das Vorhaben herstellen.

Fazit:

Punktuelle Initiativen zu starten, ohne das Gesamtbild zu betrachten, wird bei jedem Digitalisierungsvorhaben, auch im Bereich der „digitalen Bildung“, unweigerlich zum Scheitern führen.

Die Initiative der Bildungsministerin in allen Ehren, aber viele offene Punkte müssen nun schnellstmöglich geklärt werden, wenn diese Initiative zu einem Erfolg werden soll.

Da diese Initiative ohnehin erst nach der Wahl 2017 Wirklichkeit werden kann bleibt genügend Zeit, die richtigen Optimierungen voranzutreiben. Hierbei wäre es allerdings wichtig, dass nicht nur das Geld verteilt, sondern sich alle Akteure schnell zusammenfinden, um die optimale Lösung zu erarbeiten.

Wenn dies nicht gelingt, bleiben am Ende die auf der Strecke, denen dieses Geld eigentlich zugutekommen soll.

Die Schülerinnen und Schüler und am Ende auch die Lehrenden in den Schulen.

 

 

Kommentar verfassen